Schleswig-Holsteins Bauoffensive: Herausforderungen für Erd- und Straßenbau
die Fachmesse Nordbau zum Abschluss ihrer 71.

Ausgabe in Neumünster berichtet, hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther eine Bauoffensive angekündigt, die den Wohnungs-, Straßen- und Radwegebau des Landes gezielt forcieren soll. „Allein in diesem Jahr wollen Land, Bund und Autobahn GmbH mehr als eine halbe Milliarde Euro in das Straßen- und Radwegenetz Schleswig-Holsteins investieren", so Günther — ein Volumen, das unmittelbar die erdbauliche Praxis betrifft. Mehr Planumsflächen, mehr Tragschichten und mehr Sanierungsabschnitte stehen an, und damit rückt die bodenmechanische Qualität des Untergrunds in den Mittelpunkt jeder Vergabe.
Wenn das Auftragsvolumen wächst, wächst das Risiko im Planum
Die Messe benannte drei Baufelder, die direkt mit dem Erd- und Straßenbau verflochten sind: Infrastruktur-, Radwege- und Kanalbau. Gerade beim Ausbau bestehender Trassen entscheidet die Tragfähigkeit des Planums darüber, ob eine Straße Jahrzehnte hält oder nach wenigen Wintern Setzungsrisse zeigt. Setzungsrisse entstehen dabei selten im Asphalt oder im Mauerwerk — sie sitzen in der unzureichenden Verdichtung des Planums und in Böden, deren tatsächliche Scherfestigkeit von der Annahme des Planers abweicht. Das VDBUM-Infrastrukturforum diskutierte auf der Nordbau praxisnahe Lösungsansätze für genau diese Schnittstelle. Aus geotechnischer Sicht bleibt unverändert gültig: Eine beschleunigte Vergabepraxis darf die Baugrunderkundung nicht verkürzen. Schichtverzeichnis, Grundwasserstand und Lagerungsdichte sind weiterhin die Eingangsgrößen für jede belastbare Verdichtungsplanung — infolgedessen ergibt sich aus ihnen erst der erreichbare Verformungsmodul und der nachzuweisende Verdichtungsgrad.
Elektrifizierung und Sanierung im Bestand
Ein zweiter Schwerpunkt der Messe war die Elektrifizierung des Maschinenparks vom Handgerät bis zum Großgerät. Das Kompetenznetzwerk Lithium-Ionen-Batterien (KLiB) verwies auf Speichersysteme als notwendiges Rückgrat der Energieinfrastruktur auf Baustellen. Für die Erdbaupraxis heißt das: emissionsärmere Verdichtungsgeräte und elektrisch betriebene Radlader halten Einzug in innerstädtische Baustellen, wo Lärm- und Abgasbilanz bisher häufig den Bauablauf diktierten. Ergänzt wurde das Programm durch die Kanalsanierungstage, die grabenlose Verfahren und die Rohrnetzsanierung bei laufendem Betrieb thematisierten. Diese Techniken minimieren zwar den Eingriff in den Verkehrsraum, machen setzungsempfindliche oder organisch belastete Böden im Umfeld aber nicht weniger anspruchsvoll als ein offener Leitungsgraben — die Kapillarität und die hydromechanische Stabilität des anstehenden Baugrunds bleiben entscheidend. Bauministerin Magdalena Finke sprach sich auf der Messe für ein modernisiertes Baurecht und vereinfachte Planungsverfahren aus. Aus geotechnischer Sicht gilt: Kürzere Genehmigungslaufzeiten ersetzen keine Baugrunduntersuchung, sie können deren Vorlauf lediglich besser takten.
Was Bauherren und Erdbauer jetzt prüfen sollten
Die Bauoffensive ist eine Chance — aber nur, wenn die erdbauliche Vorbereitung mit dem Volumen Schritt hält. Drei Punkte, die in der Praxis regelmäßig über Erfolg oder Mangel entscheiden:
- Baugrundgutachten aktualisieren: Vor jeder Vergabe den vorhandenen Gutachtensstand prüfen und bei Bedarf durch Sondierungen oder Laborversuche ergänzen — insbesondere bei organischen Böden, hohem Grundwasserstand oder unbekannter Auffüllhistorie.
- Verdichtungsanforderungen definieren: Im Leistungsverzeichnis den Verformungsmodul Ev2 und den Verdichtungsgrad DPr explizit vereinbaren, damit dem Auftragnehmer eine prüfbare Grundlage vorliegt — andernfalls fehlt jedem Plattendruckversuch die vergleichende Messlatte.
- Bestandsbau als Normalfall behandeln: Wer im innerstädtischen Raum oder entlang bestehender Trassen arbeitet, plant von Anfang an mit eingeschränkter Erkundung und höherem Sicherheitsbedarf — nicht als Sonderfall, sondern als Regelfall.