Niedrigwasser am Rhein: Wie Lieferengpässe den Straßenbau gefährden
Wie die FAZ unter Berufung auf den Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen und den Hauptverband der Deutschen Bauindustrie berichtet, droht genau diese Situation derzeit, weil das…

Lieferketten unter Niedrigwasser
Wo Gesteinskörnungen in nicht spezifizierter Sieblinie angeliefert werden, zeigen sich auf Erd- und Straßenbaustellen rasch die typischen Schadensbilder: nachgebende Planumsschichten und Hohlräume unter der späteren Deckschicht. Wie die FAZ unter Berufung auf den Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen und den Hauptverband der Deutschen Bauindustrie berichtet, droht genau diese Situation derzeit, weil das Rekordniedrigwasser des Rheins die Lieferketten für Sand, Kies, Splitt und Bitumen empfindlich stört. Der hessische Verbandspräsident Thomas Reimann spricht gegenüber der dpa vom dritten nennenswerten Preisschub binnen weniger Jahre – nach der Energiekrise und dem Irankonflikt – und rechnet erfahrungsgemäß mit dauerhaft erhöhten Preisen.
Bodenmechanische Folgen für Erd- und Straßenbau
In der geotechnischen Praxis entscheidet die Korngrößenverteilung des angelieferten Materials darüber, ob sich ein Trag- oder Frostschutz fachgerecht auf das geforderte Proctor-Maß verdichten lässt. Steht eine Charge nicht in der spezifizierten Sieblinie bereit, sehen wir auf der Baustelle die typischen Folgen: unzureichende Verdichtungsgrade, nachgebende Oberflächen und in der Konsequenz Hohlräume unter Pflaster- und Asphaltschichten. Tim-Oliver Müller, Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie, warnt, dass bei länger anhaltendem Niedrigwasser die Transportkapazitäten für Bitumen und Natursteine weiter schrumpfen – mit der Folge höherer Material- und Logistikkosten und im ungünstigsten Fall Verzögerungen im Bauablauf. Sofern Transporte vom Wasser auf die Straße verlagert werden, steigt die Frequenz der Schwerlastfahrten über oftmals nicht dafür ausgelegte Baustraßen, was die Scherfestigkeit des anstehenden Bodens zusätzlich beansprucht.
Für den Asphaltstraßenbau bedeutet eine verzögerte Bitumenlieferung im Hochsommer zudem, dass die Einbauzeiten in kühlere Witterungsabschnitte rücken. Bei sinkenden Bauteiltemperaturen lässt sich das Mischgut nicht mehr auf die nach ZTV Asphalt-StB geforderten Hohlraumgehalte verdichten, was sich unmittelbar auf die Abnahme und die Dauerhaftigkeit der Schicht auswirkt. Da Bitumen bereits mit dem Irankrieg teurer wurde, trifft der aktuelle Anstieg eine Branche, deren Kostenkurve ohnehin bereits steil nach oben zeigt.
Was Bauleiterinnen und Bauleiter jetzt verankern sollten
Angesichts der angekündigten Lieferrisiken empfiehlt es sich, die Materialverfügbarkeit als eigenes Risiko in die Ausschreibung aufzunehmen. Prüfen Sie konkret:
- Lieferzusagen terminlich absichern: Pönalen bei nachweisbarem Lieferverzug vertraglich vereinbaren, bevor die Vergabe erfolgt.
- Sieblinie und Gesteinskörnung exakt spezifizieren: Statt pauschaler Verweise auf regionale Vorkommen konkrete Anforderungen gemäß TL Gestein-StB und TL SoB-StB festschreiben.
- Baustraße und Planum auf erhöhte LKW-Frequenz auslegen: Wenn Transporte vom Wasser auf die Straße verlagert werden, müssen Zuwegung und Planum die Mehrbelastung schadensfrei aufnehmen.
- Asphalteinbau frühzeitig terminieren: Einbauzeiten konsequent in Phasen mit ausreichender Bauteiltemperatur legen, um den Hohlraumgehalt nachweisfest zu erreichen.
Reimann sieht in der aktuellen Lage zugleich eine Chance, die Preisspirale baupraktisch zu entschärfen: durch den Verzicht auf Abriss zugunsten der Weiternutzung bestehender Gebäudehüllen, durch Umnutzung leerer Büroflächen und durch einen verstärkten Einsatz recycelter Baustoffe. Solange jedoch die normativen und rechtlichen Hürden den Einsatz mineralischer Recyclingbaustoffe begrenzen, bleibt die Verfügbarkeit von Primärmaterial der entscheidende – und unter Niedrigwasser zunehmend fragwürdige – Hebel jeder Erd- und Straßenbauausschreibung.